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Abschied nehmen

Zeit des Abschieds – Das Ticket zum Land hinter der Regenbogenbrücke
Der bloße Gedanke daran lässt Tränen in unsere Augen steigen. Der Moment, der unseren vierbeinigen Freund ins Land hinter der Regenbogenbrücke bringt.

Den Telefonhörer noch in der Hand, stehe ich da und weiß, dass ich das Ticken der Uhr, des letzten Countdowns, eigentlich schon die ganze Zeit gehört hatte, wenn ich meinen über alles geliebten Hund die letzten Wochen beobachtete. Ich hoffte, dass ich mir die Beschwerden, die sich auf seinem Gesicht spiegelten, wenn er sich vorsichtig seine Position auf seinem Liegeplatz suchte, nur einbildete. Im Nachhinein gesehen gab es viele Hinweise. Ja, er war alt geworden und eigentlich war die Untersuchung reine Routine, redete ich mir ein, doch ich hatte gespürt, dass etwas nicht stimmte. Nun habe ich das Ticket zum Land hinter der Regenbogenbrücke bekommen und niemand kann mir sagen, wann der Flug für die lange Reise nach Hause starten würde. Noch klingen die Worte des Tierarztes in meinem Ohr. Es sei schwer, zu sagen, wie lange es dauert, wie lange das Leben noch erträglich sein würde, bevor es erbärmlich wird für meinen Hund … Für meinen treuen Wegbegleiter … So viele Jahre … denke ich, während Tränen über meine Wangen laufen, als hätten sie nur auf diesen Augenblick gewartet.

Abschied nehmen – ein langer Weg
So oder ähnlich beginnt für viele von uns die Zeit des Abschieds. Bereits wenn wir unseren Hund als ganz kleinen Welpen zu uns holen, wissen wir, dass er uns nicht unser ganzes Leben lang begleiten wird. Doch für die Bereicherung, die wir durch unsere Tiere erfahren, sind wir bereit, unsere Herzen zu verschenken, wohl wissend, dass sie irgendwann unweigerlich gebrochen werden. Mit den Jahren, die unser Hund ganz selbstverständlich an unserer Seite ist, wächst unsere Liebe und unsere Bindung zu ihm mehr und mehr, und wir versuchen tapfer, die ersten weißen Härchen zu ignorieren, hoffen, dass das Unausweichliche noch Jahre entfernt ist. Irgendwann müssen wir aufwachen aus diesem Traum, werden unsanft geweckt, vielleicht durch eine Diagnose oder dass unserem Hund plötzlich die Beine versagen. Vielleicht ist es auch die unverblümte Bemerkung eines Bekannten und mit einem Mal sehen wir vor uns einen alten Hund mit weißem Gesicht und trüben Augen, der doch eben noch ganz jung gewesen war. Von diesem Zeitpunkt an müssen wir uns mit dem Tod auseinandersetzen, ob wir wollen oder nicht.  Alles ist nun anders. Immer, wenn wir unseren geliebten Hund jetzt anschauen, verschleiert sich unser Blick und wir fühlen so viel Liebe und Wärme, dass unser Herz fast zerspringen möchte. Aber da ist auch dieses leichte Ziehen, ein Schmerz, der Gedanke an den Abschied, der sich fast körperlich bemerkbar macht. Öfter als früher wandern unsere Augen über seinen Körper, suchen nach Bestätigungen für sein Wohlbefinden oder nach Anzeichen einer Krankheit, die in ihm tobt. Sorgenvoll beobachten wir jede kleine Veränderung, jede Appetitlosigkeit macht uns Angst. Wir geben in jedes Essen, das wir von nun an bereiten, so viel Liebe mit hinein, werden wählerisch, achtsam, möchten all die guten Sachen beimischen, die den Zeitpunkt in unendliche Ferne rücken könnten. Und während er da so im Garten liegt, möchten wir jeden Sonnenstrahl einladen, seinen Körper zu erwärmen, das Licht bitten, mit seiner unendlichen Kraft jede Faser des geliebten Körpers zu durchströmen.

abschied

Langsame Spaziergänge voller Gedanken und Erinnerungen
Wir wählen die Wege sorgsamer als früher, die Berge weichen kleinen Hügeln. Es sind langsamere Spaziergänge, voller Gedanken an Erlebnisse und Erinnerungen, voll stiller Dialoge. Es reicht, einfach nur beisammen zu sein und die Gegenwart des anderen zu spüren, sich jede Kleinigkeit einzuprägen, wie es sich anfühlt, um es festzuhalten, für die Zeit danach, wenn der, der da neben uns geht, irgendwann nur noch im Geiste bei uns sein wird. Vielleicht schnuppert er schon mal dort drüben auf den grünen Wiesen, wenn er immer öfters mit abwesendem Blick in einer anderen Welt zu sein scheint. „Komm, erzähl mir von dort, wo wir uns vielleicht irgendwann wiedersehen!“, möchten wir sagen. Es braucht keine Worte mehr, wir verständigen uns über lange Blicke, in denen wir tief in den Augen des anderen versinken.

Ohne zu zwinkern tauchen wir ein in einen Dialog, der so oft die unausgesprochene Frage enthält: „Was mach ich, wenn du nicht mehr hier bist?“  Ja, es ist richtig, der Tod sitzt auf unserer linken Schulter und die Uhr tickt unaufhaltsam weiter, auch unsere eigene! Wenn jemand diese – unsere Uhr –  an die Wand hängen würde, wie es Suzanne Clothier in ihrem Buch „Es würde Knochen vom Himmel regnen“ beschreibt, genau dahin, wo wir sie immer sehen könnten, und sie würde von einem statistisch zu erwartenden Lebensalter an rückwärts ticken, dann würden wir jede Sekunde unseres Lebens plötzlich als so wertvoll erachten, wie sie ist. Wir würden nicht so viel Zeit einfach vergeuden, sondern versuchen, jeden Augenblick das Beste draus zu machen … wie unsere Tiere!

Wir möchten die Zeit zurückdrehen, haben das Gefühl, dass es noch so viel zu sagen gibt, möchten uns für Fehler entschuldigen, die wir machten, als wir es damals, vor langer Zeit, einfach nicht besser wussten, und plötzlich kommt die Angst, dass die Zeit nicht reichen wird. Eines Morgens wache ich auf und gehe verschlafen in die Küche. Plötzlich beginnt mein Herz zu rasen, als ich merke, dass mein Hund mir nicht wie gewohnt gefolgt ist. Ich beruhige mich erst, als ich neben seinem Bett stehe und das entspannte Heben und Senken der Brust eines tief schlafenden Hundes sehe, der nur den Wecker nicht gehört hat. Was wäre, wenn er jetzt einfach tot gewesen wäre? Wir haben uns doch gar nicht verabschiedet … Es war doch noch nicht der richtige Zeitpunkt! Doch gibt es tatsächlich einen richtigen Zeitpunkt für das Sterben? Kommt der Tod nicht immer zu früh oder zu spät oder einfach zur falschen Zeit?

Autor: Sylvia Raßloff, www.tiere-verstehen.com

Lesen Sie den kompletten Artikel in Ausgabe 2

 

 

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