Start Hund Crufts 2016 – wo viel Licht ist fällt auch Schatten

Crufts 2016 – wo viel Licht ist fällt auch Schatten

Von 10. bis 13. März gingen die Scheinwerfer für die weltweit größte Hundeshow, die Crufts, im englischen Birmingham an und warfen auch heuer wieder vor allem auf die abgehaltenen Rassenausstellungen große Schatten. Fast schon traditionell, war der entsetzte Aufschrei der internationalen Hundefans nach Veröffentlichung der prestigeträchtigen Videos und Fotos der Siegerhunde auch heuer wieder groß. Während im Vorjahr noch der tierschutzrelevante Umgang mit dem Gesamtsiegerhund (wir haben berichtet) kritisiert wurde, hält uns die verkrüppelte und zu keinem gesunden Bewegungsablauf mehr fähige Hinterhand der prämierten Siegerhündin der Rasse Deutscher Schäferhund auf hässliche Weise vor Augen, dass die Gesundheit trotz unzähliger Lippenbekenntnisse Seitens der Zuchtvereine auch 2016 in den Hintergrund tritt, wenn der Züchter als Person, finanzieller Erfolg, Prestige und Anerkennung in den Vordergrund treten. 

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Hunde im Mittelpunkt

Die Crufts bot neben den traditionellen Ausstellungsringen vor allem auch ein umfangreiches Sportprogramm, welches den über 160.000 Besucher die unterschiedlichsten Sportarten vorstellte. Neben Agility-Bewerben, konnte Österreichs Trickdog-Supertalent Lukas Pratschker mit seinem Falco beim „heelwork to music“-Bewerb in der Kategorie „Freestyle international“ überzeugen und den vierten Platz erreichen. Gerade wegen der Mühen, des Einsatzes und des Engagement der vielen Hundehalter und Hundefreunde, die diesem eigentlich so schönen Event entgegenfiebern, ist es besonders traurig, dass der Ausstellungsbewerb jedes Jahr aufs Neue mit der immer gleichen Erkenntnis schockiert: Hundezucht hat teilweise nichts mehr mit der Verbesserung einer bestimmten Rasse zu tun, sondern dient der Realisierung menschlicher Ideale, ganz gleich ob das Lebewesen Hund darunter zu leiden hat. Schon der bekannte Kynologe Dr. Hellmuth Wachtel schrieb in seinem Buch „Hundezucht 2000“: „Die Hundezüchter streben jedoch nach der Erlangung von Champion- und Weltmeistertiteln für ihre Rüden. Das gibt ihnen ein Erfolgserlebnis und die Hochspannung beim Ausstellungs-Wettbewerb. Oft aber auch wollen sie – an und für sich legitim – daraus auch Kapital schlagen, da sie so deren Verwendung als hoch bewertete (und bezahlte) Deckrüden maximieren können. Solche Superhunde werden häufig wie Sport-, Politik- oder Medienidole glorifiziert und verherrlicht. Aber sie sind eine der wesentlichen Wurzeln der heutigen Problematik in der Hundezucht„.

Ausstellungen – Pokale, Glanz und Glamour für den Zweibeiner

Definition „Ethik“
Laut Duden versteht man unter „Ethik“ die Gesamtheit sittlicher Normen und Maximen, die einer [verantwortungsbewussten] Einstellung zugrunde liegen.

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Ausstellungen dienten seinerzeit der Beurteilung der Grundgesamtheit einer Hunderasse. Man traf sich, um den vorhandenen Rassenbestand zu beurteilen und zu vergleichen – kein wesentlicher Unterschied zu modernen Ausstellungen. Was Ausstellungen heute von damals unterscheidet ist die Tatsache, dass man zum damaligen Zeitpunkt noch kein einheitliches Erscheinungsbild innerhalb einer Rasse vorfand. Die negative Übertypisierung begann bei einigen Rassen also ab dem Zeitpunkt, ab dem eine Rasse in ihrem Aussehen soweit einheitlich war, dass man sich neuen „Aufgaben“ bzw. neuen Idealen widmen konnte. Schaurichter beurteilen die ausgestellten Hunde immer nach subjektiven Eindrücken und Vorlieben, was durchaus positiv ist. Andererseits liegt in der freien und dehnbaren Interpretation der Rassenstandards auch das Hauptproblem. Dadurch wurde die abfallende Kruppe des Deutschen Schäferhundes, die fehlende Nase des Mopses oder die Hautfalten des Shar Peis irgendwann als „rassetypisch“ auserkoren (vgl. Wachtel, „Hundezucht 2000„).

Konrad Lorenz erkannte die Problematik bereits 1963: „Schon in der Organisation des Ausstellungs- und Richterwesens aber liegt eine gewisse Gefahr: die Konkurrenz der Rassetiere in einer Hundeschau muss nämlich automatisch sozusagen zu einer Übertreibung rassetypischer Merkmale führen.

Der Sargnagel der Zucht gesunder Hunde ist definitiv die alleinige Beurteilung des Phänotyps bei Ausstellungen. Optisch unauffällige Rassen wie der Dobermann, dessen Gesamtpopulation laut einer über zehnjährigen Studie der LM-Universität München von der Herzerkrankung DCM aber bereits zu rund 60% betroffen ist, werden vor Ausstellungen noch von „unerlaubten“ weißen Haaren im Brustbereich mit hektischen Pinzetten befreit. Dass der im Ring vorgestellte Hund vielleicht todkrank ist, zumindest aber tödliche Gene in sich tragen könnte und die Verbreitung selbiger durch eine rein auf Äußerlichkeiten beruhende Beurteilung regelrecht gefördert wird, sollte Anlass genug sein eine umfassende Diskussion zur Reformierung des Ausstellungswesens unter Experten anzufachen!

„Das heutige System der Hundeausstellungen selektiert Tiere mit erhöhtem Inzuchtkoeffizienten, basiert auf dem Championzuchtsystem und fördert so in mehrfacher Hinsicht die Erbkrankheiten und den genetischen Verfall!“
Dr. Hellmuth Wachtel in seinem Buch „Hundezucht 2000“

Beobachtet man das Geschehen neutral und sachlich am Rande des Ausstellungsringes, spielen sich wahre Tragödien ab, wenn der ganze Stolz des Züchters – sein momentan auserkorener Favorit aus seiner Zucht – vom Richter nicht den Vorstellungen entsprechend bewertet wird. Dies geht sogar so weit, dass Züchter die Ausstellungen nach den jeweiligen Richtern wählen, um einer schlechten Bewertung ihres Hundes zu entgehen! Ziel ist es also nicht, eine möglichst faire und aussagekräftige Bewertung des (potentiellen) Zuchthundes zu erhalten, sondern einzig der Titel. Unterhält man sich mit Schaurichtern, klagen diese über „gebundene Hände“. Wer streng richtet, wird einfach nicht mehr eingeladen, so einfach ist das. Das menschliche Ego möchte gelobt und gestreichelt werden, harte Worte oder gar die Wahrheit treffen hingegen auf wenig Verständnis. Dies und die Tatsache, dass ein und derselbe Hund an einem Ausstellungswochenende bei zwei unterschiedlichen Richtern am Samstag den Titel gewinnt und am Sonntag mit dem 5. Platz des gleichen Teilnehmerfeldes bewertet wird, beweist unumwunden, dass Ausstellungen bzw. die Bewertung des Hundes im Rahmen einer solchen Ausstellung für eine aussagekräftige Beurteilung des Hundes hinsichtlich seiner Zuchttauglichkeit absolut in Frage zu stellen sind.

Dass die Siegerhündin der Rasse Deutscher Schäferhund bei der Crufts 2016 ihre Hinterhand bei jedem Schritt über den Boden schleift, veranschaulicht diese These auf abstoßende Weise. „Breeding happy healthy dogs“ (zu deutsch: „wir züchten glückliche gesunde Hunde“) lautet der Slogan der Crufts – keinem der Verantwortlichen stieg angesichts dieser Beurteilung die Schamesröte ins Gesicht. Ein gelbes Auto wird von einer 10-köpfigen Gruppe von Menschen vermutlich einstimmig als gelb erkannt werden. Ein für den Fortbestand bzw. die positive Entwicklung einer Rasse wichtiger Hund, sollte demnach einer Beurteilung unterzogen werden, die möglichst keinen Interpretationsspielraum bietet. Genetiker und Kynologen predigen dies seit Jahrzehnten – ohne auf Gehör zu stoßen.

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Präsentation des „Zuchtmaterials“

Neben den Auswirkungen der Ausstellungen auf die Rassehundezucht, fällt immer wieder auch der teilweise tierschutzrelevante Umgang mit den Tieren extrem negativ auf. Während im Hundesport in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr Umdenken stattfand und viele Hundehalter wesentlich sensibler auf entsprechendes Verhalten reagieren, wird auf Ausstellungen noch immer ohne Rücksicht mit eingliedrigen, dünnen Ketten herumgezerrt und gewürgt. Bereits nach der World Dog Show 2012 haben wir ein Verbot selbiger gefordert. Doch solange Richter tatenlos beiwohnen, wird sich weiterhin nichts ändern.

Beispielgebende Lernresistenz

Interessant ist, dass auch in der vom Österreichischen Kynologenverband (ÖKV) herausgegebenen Vereinszeitung „Unsere Hunde“ in Ausgabe 11/2014 im von Tierarzt Dr. F. Brunner verfassten Artikel „Einige Überlegungen zu dem Artikel Gedanken zur Gebrauchshundezucht“ zu lesen ist: „Es kann nicht genug betont werden, wie verdienstvoll es ist, in einleuchtender Weise jedem Hundezüchter möglichst klar und einprägsam vor Augen zu führen, dass die bisher meist verbreiteten Meinungen, dass aus Paarungen von Spitzentieren auch beste Nachkommen zu erwarten sein müssten und dergleichen mehr, auf Irrglauben beruhen und deshalb lange Stammbäume mit vielen Siegern zu Unrecht als Garantie für gute Vererbungswerte eines Zuchttieres gelten. Schon vor einigen Jahren hat ein namhafter deutscher Kynologe und Genetiker versucht, ähnliche Argumente publik zu machen und zu bedenken gegeben, dass der Erbwert von Zuchttieren nicht nur aus seinen direkten Ahnen, sondern vor allem aus einem geschlossenen Überblick über alle seine Nachkommen und Geschwister ersichtlich sei.
Das Problem ist also bekannt. Umso erstaunlicher, dass trotz aller „Bemühungen“ (unter anderem wurde das Projekt „Konterqual“ mit dem auf der Homepage definierten Ziel „Steigerung der Gesundheit der Rassehunde“ ins Leben gerufen) die Genvielfalt einer Rasse zerstörenden popular sires speziell im SVÖ (SchäferhundeVerein Österreich) nach wie vor Dauerbrenner sind. Es ist allerdings blauäugig die Regulierung bei Rüden zu erwarten, wenn laut den offiziellen Zuchtbestimmungen des SVÖ selbst Hündinnen innerhalb von 24 Monaten 3 (!) Mal belegt werden dürfen – aus tierschutzrechtlichen Gründen wie es formuliert wurde. Dir. Josef Schallegruber, Mitglied des ÖKV-Vorstandes, setzt sich also einerseits für eine „Steigerung der Gesundheit der Rassehunde“ ein, erlaubt andererseits als Vorstand des SVÖ aber gleichzeitig, Hündinnen bei jeder Hitze zu belegen. Da es bis 2018 eine Übergangsfrist für die laut Projekt Konterqual betreffenden Hunderassen gibt, dürfen wir ab 2018 sicher mit erheblichen Verbesserungen der Hundezucht innerhalb der „kontrollierten“ Vereine rechnen.

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Rassehundevereine – (Keine) Kontrolle schafft (kein) Vertrauen

Ein ungeschriebenes Gesetz besagt: willst du einen gesunden, kontrollierten Rassehunde – gehe zu einem der zahlreichen „kontrollierten“ Zuchtverbände. Drei Dachverbände (AKC – American Kennel Club, KC – Kennel Club, FCI – Fédération Cynologique Internationale) bieten dem geneigten Hundefreund weltweite Anlaufstellen zu Fragen rund um die Kynologie. Aber eben auch zur Vermittlung eines gesunden, kontrollierten Rassewelpen. Vereinssatzungen sollen glaubhaft versichern, dass die Hundezucht nach modernsten Standards und ausschließlich zur Erhaltung und Verbesserung der einzelnen Rassen durchgeführt wird. In der Realität beherbergen die Zuchtverbände verantwortungsbewusste Züchter mit höchstens drei aktiven Zuchthündinnen und maximal vier Würfen im Leben einer Zuchthündin gleichermaßen, wie Massenproduktionsstätten, wo „kontrollierte“ Rassewelpen am laufenden Band produziert werden.

Es gibt keinerlei Beschränkung, wie viele Hunde ein Züchter maximal halten darf. Es gibt keinerlei ethische Mindeststandards, ob es vertretbar sei, dass ein Züchter mit mehr als zehn Hunden ehemalige, ausgediente Zuchthunde nach Beendigung ihrer Zuchtkarriere ausrangiert wie alte Autozubehörteile. Es gibt keinerlei vereinsübergreifende vorgeschriebene Mindeststandards die Gesundheit der jeweiligen Rassen betreffend. Das gesamte Kontrollwesen beruht auf gutgemeinten Empfehlungen, schließlich möchte man es sich mit den zahlenden Mitgliedern nicht verscherzen. Zwar schreiben sich Dachverbände genaue Kontrollen und markant klingende Projektnamen für gesunde Rassezucht gerne auf ihre Fahnen, eine genaue Kontrolle sei jedoch gar nicht möglich, da jede Rasse individuell zu beurteilen sei und die Zuchtvereine für ihre Rasse zuständig wären. Die Zuchtvereine hingegen beteuern, sich an den Vorgaben des jeweiligen Dachverbands zu orientieren und selbst gar nichts ausrichten zu können.

Tatsache ist, dass gute, verantwortungsbewusste Züchter längst nicht mehr nur innerhalb der Rassezuchtverbände zu finden sind. Nicht jeder Dissidenzzüchter (Züchter, der nicht einem der drei oben genannten Verbände angehört) ist ein skrupelloser Vermehrer und nicht jeder vereinszugehörige Züchter ist zu empfehlen! Solange ein VDH-Zuchtrüde hochoffiziell innerhalb von nur 2 Jahren 323 Welpen produzieren darf und ein ÖKV-Züchter vier Rassen gleichzeitig mit weit über zehn aktiven Zuchthunden und im Jahr zumindest 13 Würfe plant, ist von einer vorbehaltlosen Empfehlung der „kontrollierenden“ Zuchtvereine dringend Abstand zu nehmen und jeder Züchter individuell zu beurteilen – den Hunden zuliebe!

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