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Falsche Erwartungen an Familienhunde

Erst kürzlich wurde ich wieder mit der Frage konfrontiert, welche Hunderasse ich als optimalen Familienhund empfehlen könnte. Eine Frage, die sich nicht so einfach beantworten lässt, da viele Faktoren darüber entschieden, welcher Hund sich für welche Menschen eignet. Eines ist aber gewiss – die perfekte Rasse für Familien gibt es nicht. Gut sozialisierte und loyale Familienhunde sind immer das Ergebnis konsequenter Erziehung und artgerechter Haltung in einem intakten Umfeld.

Nennen wir sie Familie Berger. Familie Berger ist vierköpfig. Mutter Sandra arbeitet der
Kinder wegen im Moment noch halbtags, Vater Peter ist im mittleren Management eines Industrieunternehmens und die beiden Töchter sind drei und vierzehn Jahre alt. Vater Peter hat sich nach langen Diskussionen erweichen lassen und stimmt nun der bevorstehenden Anschaffung eines Hundes zu, verweist aber gleich auf seinen anspruchsvollen Beruf und dass er nicht derjenige sein wird, der abends nach der Arbeit noch den Hund ausführt.


Die ältere Tochter Anna liegt den Eltern seit Jahren mit dem Wunsch nach einem eigenen Hund in den Ohren und verspricht hoch und heilig, sich um diesen mit all den damit verbundenen Aufgaben zu kümmern. Und da Mama Sandra spätestens nach vier Stunden Arbeit wieder zuhause ist, wäre er auch nie besonders lange alleine. Perfekte Voraussetzungen also, fehlt nur noch der perfekte Hund für die Familie. Auch der ist bereits gefunden, geht es nach Tochter Anna, denn seit sie einen Border Collie im Fernsehen zahlreiche Tricks vorführen sah, ist sie hin und weg von dieser Rasse. Die Familie wohnt übrigens in der Innenstadt in einer Wohnung.
„Ein guter Familienhund ist nicht deshalb „gut“, weil er sich alles gefallen lässt. Kinder und Hunde sollten stets respektvoll miteinander umgehen.“


Ob der Border Collie nun tatsächlich die perfekte Wahl für diese Familie ist, lässt sich pauschal weder bejahen noch verneinen. Es hängt einerseits vom Verantwortungsbewusstsein der Tochter, andererseits aber auch von dem der Eltern ab. Auf den ersten Blick mag eine Innenstadtwohnung in einem Hochhaus alles andere als der perfekte Lebensraum für eine der arbeitsamsten Rassen überhaupt sein. Border Collies haben durch diverse Auftritte einiger Rassevertreter in unterschiedlichsten TV-Shows einen regelrechten Boom erlebt, mit teils verheerenden Folgen für die Rasse. Neben drastischen gesundheitlichen Problemen aufgrund immer intensiverer Zucht auch verantwortungsloser Vermehrer ohne Rücksicht auf gesundheitliche Voraussetzungen, landeten unzählige Junghunde bereits nach wenigen Wochen im Tierheim, da die einstigen Interessenten vollkommen überfordert mit ihnen waren.

Wesen, Temperament, Reizschwelle – die wichtigsten Fragen vor Anschaffung prüfen

Nur die wenigsten Menschen setzen sich im Vorfeld einer Anschaffung eines Hundes mit den ursprünglichen Aufgaben und Anlagen ihrer Wunschrasse auseinander. Wenn überhaupt, werden nur Faktoren wie Größe, Aussehen und Fellart bzw. damit verbundener Pflegeaufwand berücksichtigt. Eine Rasse aber wie der Border Collie stellt hohe Ansprüche an seinen Halter. In seiner ursprünglichen Heimat, den Grenzgebieten zwischen England und Schottland, wird er noch heute zum Treiben großer Schafherden quer durch das unwegsame Gelände eingesetzt. Oft sind die Farmer den ganzen Tag mit ihren Hunden im Gelände unterwegs, dabei arbeiten die Hunde praktisch ohne Pause. Natürlich werden diese Hunde von Welpentagen an auf ihre spätere Aufgabe vorbereitet, trotzdem tragen Border Collies die Anlagen, die durch gezielte Selektion forciert wurden, auch heute noch in sich. Nicht selten werden Junghunde abgegeben, weil sie ihre Menschen oder gar Kinder beim Spaziergang in die Beine zwicken, ganz so, wie sie es sonst bei den widerspenstigen Schafen einer Herde tun. Warum er das bei zurückbleibenden Familienmitgliedern nicht darf, muss er erlenen, doch oft wird so ein Verhalten als potentiell gefährlich oder bösartig missinterpretiert und der vermeintliche Traumhund landet als Problemhund im Tierheim.
Kindliche Liebe kann für kleine Hunde manchmal „erdrückend“ sein. Es braucht Erwachsene, die beiden den richtigen Umgang lernen.

Prädikat „Familienhund“

Leider wird das Prädikat „Familienhund“ oft nur an bestimmten Rassen festgemacht und weniger an der individuellen Eignung eines Hundes. Nicht jeder Golden Retriever bringt alle Voraussetzungen für ein glückliches Leben in einer Familie mit, so wie nicht jeder Rottweiler völlig ungeeignet als geduldiger Familienhund ist. Jede Familie führt ihr Leben auf ganz individuelle Weise und der zukünftige Hund sollte so ausgewählt werden, dass er zum Umfeld und den individuellen Umständen passt.


Herausforderungen im alltäglichen Zusammenleben

Wenn Sie den perfekten Hund für Ihre Familie gefunden haben, beginnt die wahrscheinlich herausforderndste Zeit, die Eingewöhnungsphase. Einen neuen Vierbeiner in die Familie zu integrieren ist immer eine Herausforderung. Sind aber auch kleine Kinder in der Familie, ist besondere Vorsicht geboten. Das Problem am Zusammenleben von Kleinkindern mit Hunden ist, dass diese die Verhaltensweisen des Hundes völlig falsch einschätzen. So passiert es sehr schnell, dass dem Kind ein Stück seines Essens oder ein Spielzeug aus der Hand fällt. Ist der Hund dann sehr besitzergreifend oder neigt dazu Ressourcen zu verteidigen, kann aus einer eigentlich harmlosen Situation bitterer Ernst mit fatalen Folgen entstehen. Doch selbst bisher kaum ressourcenverteidigende Hunde könnten Spielzeug oder Futter Babys gegenüber beanspruchen, da Hunde Babys in der Regel als rangnieder ansehen. Deshalb ist es von so großer Bedeutung, dass Kinder und Hunde niemals alleine gelassen werden. Und deshalb ist es auch so wichtig, dass der Familienhund mit der nötigen Gelassenheit ausgestattet ist, um ungeschickte Kinderhände nötigenfalls auch einmal zu ignorieren, sollte gerade doch kein Erwachsener der Situation beiwohnen.


Doch selbst der gelassenste Hund kann schnappen, wenn er anhaltend bedrängt wird oder ihm gar (unabsichtlich) Schmerzen zugefügt werden. Kleinkinder wissen nicht, welche Folgen ihr Verhalten haben kann. Sie lernen nach dem trial and error-Prinzip, weshalb sie auf den Schutz durch ihre Eltern angewiesen sind. Familienhunde müssen aber nicht nur zuhause über gute Nerven verfügen. Gerade auch im Straßenverkehr ist es wichtig, dass sie auf optische und akustische Reize gelassen reagieren. Auch wird ein Hund, der keine Gelegenheit zur Jagd auslässt, vermutlich nicht der ideale Begleiter für einen gemütlichen Spaziergang neben dem Kinderwagen sein. Der Zeitpunkt der Anschaffung des Hundes sollte außerdem so gewählt werden, dass Sie trotz Familie über ausreichend Zeit für die Erziehung des Hundes verfügen, denn Familienhunde werden nicht fix fertig geboren. Sie müssen erst lernen, was erlaubt und gefordert ist und wo ihre Grenzen liegen.

Kooperationsbereitschaft

Manche Hundetrainer führen außerdem eine hohe Bereitschaft zur Unterordnung als notwendige Voraussetzung für Familienhunde an. Was altbacken und nach Drill klingt, meint eine hohe Affinität zur Kooperation mit Menschen. Denn Drill oder eine unfaire Behandlung ist für die Erziehung eines Hundes völlig ungeeignet und für einen Hund, der gelassen sein und ein vertrauensvolles Verhältnis zu seinen Menschen aufbauen soll, ganz besonders.

Die Rolle des Erwachsenen

Eine souveräne Anleitung von Kind und Hund durch Erwachsene ist deshalb so wichtig, weil Hunde sehr genau erkennen, dass es sich beim Kind nicht um eine ausgereifte Persönlichkeit handelt. Da Hunde ebenso Interessen und Wünsche verfolgen wie auch Kinder, braucht es Eltern, die den Vierbeiner einerseits lehren gelassen mit Frustration umzugehen, wenn das Kind zum Beispiel das vom Hund beanspruchte Spielzeug wegnimmt, andererseits aber moderierend zur Stelle sind und sowohl Kind als auch Hund Grenzen aufzeigen.

Kinder sind Welpen

Hunde erkennen Kinder nicht als Familienoberhaupt an, sie akzeptieren sie bestenfalls. Allein die Tatsache, dass die Eltern dem Kind ebenso Anweisungen geben wie dem Hund selbst, lässt Hunde erkennen, dass das Kind kein Entscheidungsträger innerhalb der Familie ist. Deshalb ist es wichtig, dem Hund unmissverständlich zu vermitteln, dass die Erziehung des menschlichen Nachwuchses nicht seine Aufgabe ist. Hunde sehen keinen großen Unterschied zwischen Hundewelpen und dem Welpen der Menschenfamilie. So kann es vorkommen, dass das Baby beim Greifen zufällig die Ohren oder Haare des Hundes erwischt und recht fest daran zieht. Die logische Konsequenz für den erwachsenen Hund wäre es, den ziemlich frechen „Welpen“ zum Beispiel durch Schnappen in seine Schranken zu weisen. Immer wieder werden Hunde abgegeben, die sich genau so verhalten und aus ihrer Sicht alles richtig gemacht haben. Hunde können weder sprechen noch Hände benützen. Sie setzen ihre Zähne ein, um Artgenossen oder auch ihre Welpen zu korrigieren. Was bei einem Hundewelpen keine Folgen hat, kann bei einem Baby aber zu schweren Verletzungen führen. Behalten Sie daher beide stets im Blickfeld und entfernen Sie sich keinesfalls so weit, dass sie das Baby nicht sofort aus der Gefahrenzone holen könnten. Und bedenken Sie, dass Ihr Hund Ihr Baby nicht als „Bereicherung“ sieht, sondern höchstens als weiteren Konkurrenten um Nahrungsressourcen oder Ihre Aufmerksamkeit.


28Wenn Sie die Grundlagen für ein harmonisches Zusammenleben rechtzeitig legen können, kann aber aus dieser anfangs noch sehr labilen Beziehung später eine dicke Freundschaft wachsen. Und wie gut das Zusammenleben mit Hunden für Kinder ist, belegen immer wieder neue Studien. So sind Kinder, die mit Hunden aufwachsen, nicht nur wesentlich gesünder und weniger von Allergien betroffen, sie entwickeln sich auch auf sozioemotionaler Ebene sehr viel besser als Kinder, die ganz ohne Haustiere auskommen müssen.


Wenn Sie also auf der Suche nach dem perfekten Familienhund sind, so hinterfragen Sie in erster Linie, ob Sie selbst bereit sind, Zeit und Energie in diesen Familienhund zu investieren. Wenn Sie diese durchaus anspruchsvolle Aufgabe gerne und mit Ausdauer erfüllen möchten, steht diesem wundervollen Projekt eigentlich nichts im Wege.


Der Artikel ist erschienen in Ausgabe 01/2020 .


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