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Rassestandards – Fluch oder Segen?

Schauplatz Hundemesse: Hier wimmelt und wuselt es nur so vor verschiedensten Hunderassen. Das Ziel jedes Teilnehmers: den ersten Platz in seiner Kategorie zu erreichen. Gestriegelt, geföhnt und zurechtgezupft, sitzen die Hunde auf ihren Tischen, bis sie endlich den Ring betreten und dem Schaurichter vorgeführt werden dürfen. Der letzte Schliff, die dünne kurze Leine um den Hals und los geht es mit einer lockeren Laufrunde. Am Ende gewinnt der Parson Russell Terrier mit dem braunen Gesicht und dem sichtbar schönsten Gang und der dazu passenden Haltung. So weit, so gut, wer bestimmt jedoch, wie ein Hund auszusehen hat und welchen besonderen Merkmalen passionierte Hundezüchter hinterherrennen? Genetik wird studiert, die besten der besten Hunde miteinander verpaart, um möglichst den Kriterien der einzelnen Rassen gerecht zu werden. Alles für den scheinbar “perfekten Hund” oder alles für das Erreichen der bestimmten Rassestandards. Da stellt man sich als Hundebesitzer, Züchter, aber auch als Außenstehender eine Frage: Sind die Rassestandards ein Fluch oder ein Segen?

Die Fédération Cynologique Internationale, kurz FCI, ist der größte kynologische Dach-
verband, welcher alle anerkannten Hunderassen systematisch in Gruppen und Sektionen eingeteilt hat. Insgesamt lassen sich die Hunderassen in 10 große Gruppen einteilen, welche von weiteren jeweiligen Sektionen unterteilt werden. Zu einer Gruppe von Rassen gehören immer jeweils alle Hunde, welche „eine bestimmte Anzahl von vererbbaren distinktiven Merkmalen gemein haben“. Jeder Hunderasse in den jeweiligen Sektionen wird nochmals eine eigene Nummer für den Rassestandard zugeteilt. Insgesamt umfasst die Liste 343 Standards, mit den offiziell anerkannten Hunderassen. In der Rassehundezucht ist das Erreichen des Rassestandards erklärtes Ziel, da nur so eine gute Bewertung bei Hundeausstellungen erreicht werden kann. Zusätzlich regelt der Rassestandard, welche Merkmale die Rasse besitzen sollte und gilt somit als Maßstab, wenn es darum geht, den idealen Vertreter und Repräsentanten einer Rasse zu finden. Doch immer wieder steht die Frage im Raum, ob Rassestandards Fluch oder Segen für die Rassehundezucht sind.
Christoph Jung ist Sprecher des Dortmunder Appells. Er steht für eine Wende in der Hundezucht. Er ruft zu einer auf die Gesundheit der Hunde bedachten Zucht auf.
Für manche selbstverständlich, für andere lästiges Übel.
Für YOUR DOG konnten wir den Experten auf dem Gebiet der Hundezucht zu diesem Thema interviewen.
YD: In dieser Ausgabe beschäftigt sich das Magazin mit der Frage der Rassestandards. 
Einerseits ein Segen für Züchter, da diese dadurch genau wissen, welche Genetik von Hund zu Hund vererbt werden soll, oder wie eine bestimmte Hunderassen auszusehen hat. Andererseits auch ein “Fluch”, man nehme die Nasenform der Französischen Bulldogge oder die des Mops als Beispiel. Die Rückenform des Deutschen Schäferhundes hat sich in den letzten Hundert Jahren auch sehr verändert. Der Fokus liegt auf der abfallenden Rückenlinie, welche jedoch dieser Hunderasse meist in jungen Jahren schon massive Störungen im Bewegungsapparat bringt. In manchen Fällen hat sich die Zucht also nicht gerade zugunsten der Hunde verändert. Wieso entwickeln sich die Standards Ihrer Meinung nach oft in andere Richtungen?
Jung: Fast alle modernen Hunderassen stammen von uralten Arbeitshunderassen ab. Die Anforderungen der Arbeit definierten, was ein Hund können, wie er aussehen musste. Dazu brauchte man keinen aufgeschriebenen Standard. Mit der Industrialisierung verloren vor 150 Jahren die meisten Hunde ihre angestammten Aufgaben. Wer kennt heute noch Hunde, die einen Milchkarren ziehen? Rinder werden heute auch nicht mehr mit Hunden zum Schlachthof getrieben. Die Jagd des Adels mit riesigen Hundemeuten ist eine Ausnahme geworden. Selbst den Wachhund auf dem Hof sieht man nur noch selten. Um die alten Hunderassen zu erhalten, wurden Rassestandards aufgeschrieben. Aber leider beschreiben sie meist nur die äußere Erscheinung, weniger die Fitness und vor allem nicht das Wesen. Auf den Ausstellungen werden die Hunde ebenfalls nach ihrem Äußeren bewertet. Dann kommt noch die Vorliebe der Menschen für das Besondere. So entsteht ein Teufelskreis, der auf das Ex-treme zulasten der Gesundheit der Hunde hinsteuert. Kleine Hunde müssen noch kleiner, große noch größer werden. Kurze Schnauzen noch kürzer, Falten noch faltiger.
Die Kopfbehaarung eines Pulis soll laut FCI-Standard so „üppig sein, dass sie den Kopf rund erscheinen lässt und die Augen abschirmt.“ Er kann vor lauter Haaren also nicht mehr frei sehen. Ein Komondor kann durch die vom Standard geforderten Fellschnüre kein artgerechtes Leben mehr führen. Seine bei den Hirten arbeitenden Vorfahren zeigten noch vor hundert Jahren ein ganz normales Fell. Beim Englischen Bulldog und einigen anderen belasteten Hunderassen wie dem Pekinesen wurde dagegen 2009 der Standard extra geändert, um eine gesunde Zucht zu erzwingen. So wurden schwere Nasenfalten ausdrücklich verboten. Das wird in der Praxis einfach ignoriert. So hatten die meisten Bulldogs, die ich kürzlich auf der World Dog Show in Leipzig sah, eben solche verbotenen Nasenfalten. Sie hätten eigentlich alle disqualifiziert werden müssen. Nichts geschah. Championate und V1 wurden verteilt, als gäbe es die Standardänderungen von 2009 nicht.
YD: Die Gesundheit des Hundes sollte an erster Stelle stehen. Hunde sollten problemlos atmen können, in jungen Jahren nicht mit Rückenschmerzen oder der Hüfte zu kämpfen haben, oder gar an derartigen Hautproblemen leiden, da wenig Fell und zu viel Haut vorhanden ist. Jedoch regieren Nachfrage und Geld immer noch die Welt der Züchter. Könnte sich dies Ihrer Meinung nach in den nächsten Jahren ändern?
Jung: Da muss schon viel zusammenkommen, damit sich wirklich was ändert. Aber es gibt keine Alternative. Ein wenig hat sich bereits getan. Vor 10 Jahren, als ich den „Dortmunder Appell für eine Wende in der Hundezucht“ auf den Weg gebracht hatte, war es noch etwas Besonderes, über Missstände in der Zucht zu sprechen. Heute ist das Thema überall präsent. Es gibt etliche Hunderassen, wo sich seither positive Entwicklungen abzeichnen, wie etwa beim Boxer, der wieder eine richtige Schnauze hat, oder dem Bernhardiner, der kein Gigant mehr sein muss. Die seriöse Zucht verliert jedoch Marktanteile. Offizielle Zahlen gibt es leider nicht, aber man schätzt, dass mehr als 70 % aller Rassehunde aus Hinterhof“zuchten“ und vor allem von den industriellen Hundeproduktionen Osteuropas stammen.

„Der Verbraucher wird leider immer bequemer und bestellt seinen Welpen per Mausklick im Internet vom Sofa aus.“

Christoph Jung

Der Welpe soll sofort lieferbar sein wie ein neues Smartphone. Die Mühe, sich Monate vorher vor Ort bei Züchtern umzuschauen, sich ernstlich mit der Hunderasse zu beschäftigen, macht sich kaum noch ein Welpenkäufer. Billig sollte er dann auch noch sein. Es wird viel von Tierschutz geredet, aber in der Praxis kaum danach gehandelt.
Seriöse Züchter, die mit hohem Aufwand körperlich und mental gesunde Hunde züchten, bleiben hier nicht selten auf der Strecke. Man muss sich ins Bewusstsein rufen, dass der Welpenmarkt ein Milliardengeschäft ist, das sich nicht selten mafiöse Geschäftemacher EU-weit aufgeteilt haben. Wir Hundefreunde sollten unseren Welpen nur vor Ort beim Züchter kaufen. Es gibt sie noch, die fachkundige, seriöse Zucht, wo es das originäre Interesse ist, gesunde Welpen zu bekommen, diese sorgfältig zu sozialisieren und dann in passende Hände abzugeben, wo den Züchtern noch das Wohl der Elterntiere, besonders der Mütter am Herzen liegt.
Bei aller zuweilen berechtigten Kritik – es gibt im Interesse der Freundschaft zum Hund keine Alternative zu den in seriösen Zuchtvereinen organisierten Züchtern. Wir wollen doch, dass unsere Lieblinge in einer behüteten, familiären Umgebung ihre erste Lebenszeit verbringen dürfen, in einer richtigen Wurfkiste von Mama gesäugt und fürsorglichen Menschen umsorgt. Das sollte uns viel mehr wert sein im Interesse unsere Hunde, aber letztlich auch ganz nüchtern im eigenen Interesse.
Jagdhunde wie der Deutsch Kurzhaar wurden stets auf Leistung und Gesundheit selektiert. So zählen sie auch heute noch zu den gesunden und langlebigen Hunderassen.

YD: Immer mehr Hunde haben heutzutage mit den Auswirkungen der Zuchtrichtung zu kämpfen. Wie werden die Zuchtkriterien Ihrer Meinung nach missbraucht?

Jung: Man muss feststellen, dass das Zuchtwesen keinerlei unabhängigen Kontrolle unterliegt. Jede Banane, jede Gurke beim Discounter hat mehr Qualitätskontrolle erlebt und ist in Produktion und Handel hundert Mal besser dokumentiert als ein Rassehund. Die Zuchtkriterien stehen oft nur auf dem Papier. Züchten und sogar Zuchtvereine gründen, darf in der EU jeder und jede. Es bedarf hierfür keinerlei Zulassungsvoraussetzungen, keines Nachweises der Fachkunde, rein gar nichts. Solche „Welthundezuchtverbände“ sind oft reine Dienstleister für unseriöse Züchter zur Täuschung der Welpenkäufer mit fragwürdigen Papieren und Championaten. 
Es gibt in der EU keinerlei Regeln, Dokumentationspflichten oder Kontrollen für die kommerzielle Hundeproduktion. Wer eine Angel in den Tümpel hält, wird schärfer kontrolliert als die gesamte Szene, die für unseren „besten Freund“ verantwortlich zeichnet. Es gibt keine Lobby für eine gesunde Hundezucht. Alle verdienen ganz gut an den jetzigen Missständen: Die Hundeproduzenten, die Pharmaindustrie, die Veterinäre und die Futterindustrie. Die Einführung von gesetzlichen Mindeststandards würde nur die Ware Hund verteuern. In der Folge gäbe es wahrscheinlich weniger Hunde und somit würde der Markt schrumpfen. Ein Alptraum fürs Geschäft. Deshalb ist faktisch alles erlaubt, wofür sich ein Käufer findet. Gewisse Qualitätsstandards sehen wir nur in Verbänden wie dem ÖKV oder dem VDH und selbst hier gibt es zuweilen eklatante Missstände wie etwa beim Dobermann und dessen angeborener Herzkrankheit.

„Auf den Ausstellungen wird bei vielen Hunderassen nach Mode und Marktlage gerichtet, weniger nach den offiziellen Rassestandards.“

Christoph Jung

Dass es auch anders geht, beweisen (nicht nur) die zahlreichen Hunderassen, die noch arbeiten müssen, etwa bei der Jagd. So zeichnen sich Rassen wie die Brandlbracke oder der Bayerische Gebirgsschweißhund durch eine hervorragende Gesundheit bei bester körperlicher und mentaler Leistungsfähigkeit aus – und das, obwohl diese Hunderassen schon immer eher selten sind. Hier gibt es ein klares, verbindliches Reglement im Interesse eines vitalen Hundes und eben auch die passenden Welpenkäufer, die das wertzuschätzen wissen. Es geht also und das sind nur zwei Beispiele von vielen!
YD: Wie stehen Sie zu den bestimmten Rassestandards des FCI?
Jung: Rassestandards sind eine notwendige Grundlage für den Erhalt der Hunderassen. Ich bin immer wieder begeistert von der Vielfalt der Formen und Charaktere, die Hunde als Teil unserer Kultur und Geschichte hervorgebracht haben. Hunderassen in ihrer Unterschiedlichkeit und Bestimmtheit bedeuten auch, dass jeder und jede den genau passenden Hund für die eigene Lebenslage und die speziellen Bedürfnisse treffsicher finden kann. Bei vielen Rassestandards frage ich mich aber, was das eigentlich noch mit Liebe zur Hunderasse zu tun hat, etwa wenn bis ins kleinste Detail irgendeine erlaubte Fellfarbe oder ein genau bezeichneter Flecken an bestimmter Stelle festgelegt wird. Ein guter Hund hat keine Farbe!
Es gibt auch eine Reihe von Rassestandards, die Eigenschaften zulassen oder sogar verlangen, die man als Qualzucht kennzeichnen muss. Ich denke hier an die schon angesprochenen Felllängen beim Puli oder Komondor oder die geforderte doppelte Afterkralle bei französischen Hirtenhunden wie Briard oder Beauceron. Eine einfache oder fehlende Afterkralle führt zum Zuchtausschluss – unglaublich!
Ich denke an den Standard des Chihuahua, der einen apfelförmigen Schädel fordert. Es gäbe hier noch etliche Beispiele. Die Rassestandards sollten nach Bestimmungen durchforstet und entsprechend modifiziert werden, die Interpretationen zu Lasten der Gesundheit der Hunde zulassen. Veränderungen bei den Rassestandards sind aber nicht das Mittel, um eine Wende im Interesse des Wohls und der Gesundheit der Hunde herbeizuführen. Hierzu müsste als Erstes und Entscheidendes der industriellen Hundeproduktion und dem damit verbundenen EU-weiten Hundehandel ein Riegel vorgeschoben werden. Aber das ist die Krux. Diese Geschäftemacher haben in Berlin und Brüssel eine starke Lobby und mächtige Verbündete.
YD: Was passiert mit jenen Hunden, die nicht allen Kriterien gerecht werden?
Jung: Die industrielle Hundeproduktion ist einzig und allein an maximalem Profit interessiert. Unverkäufliche Ware wird entsprechend „entsorgt“, sprich euthanasiert. Das gilt auch für „verschlissene“ Muttertiere. Es ist zwar offiziell verboten, wird aber massenhaft praktiziert. Auch in der seriösen Hundezucht kann man zuweilen das „Entsorgen“ von Welpen vermuten, denen bestimmte Rassekriterien fehlen. So wurden noch bis vor wenigen Jahren Rhodesian Ridgeback Welpen, denen das Ridge fehlte, ganz offiziell laut Standard gekeult. Dabei ist der Ridge, der umgekehrte Aalstrich im Fell über der Wirbelsäule, eigentlich ein Gendefekt und die Welpen ohne Ridge die erbgesunden Hunde. Ein solch gesunder Welpe gilt aber als unverkäuflich. Das ist nur ein Beispiel.
YD: Was sollte Ihrer Meinung nach passieren, damit das Wohl und die Gesundheit des Tieres wieder an erster Stelle stehen?
Jung: Wir Hundefreunde sollten uns zunächst einmal an die eigene Nase packen und uns nicht wie ein x-beliebiger Verbraucher beim Welpenkauf verhalten. Der Hund sollte nicht als Ware wie ein Kasten Bier oder ein Handy behandelt werden. Schließlich soll er unser bester Freund sein. Und von Seiten des Hundes gibt es auch keinen Zweifel, dass er es mit der Freundschaft uns gegenüber ernst meint. Wir müssen mehr Verantwortung und Fürsorge für unsere Hunde – und nicht nur den eigenen – übernehmen.
Letztlich ist es eine politische Frage. Es bedarf dringend EU-weiter gesetzlicher Mindeststandards für die Zucht. Wir brauchen ein Verbandsklagerecht und eine Beweislastumkehr. Für einen Außenstehenden ist es fast unmöglich, grobe Fehler in der Zucht nachzuweisen. Vor allem muss der industriellen Hundeproduktion und dem damit verbundenen EU-weiten Hundehandel die Rote Karte gezeigt werden.
Die Rassehundezucht gehört in die Hände fachkundiger und verantwortungsbewusster Züchter, die vor Ort mit ihrer Familie und den Hunden leben und seriösen Vereinen etwa im ÖKV oder VDH angeschlossen sind. Dass so vitale und wesensstarke Hunde gezüchtet werden können, habe ich oben schon gezeigt.
Dieses Interview ist in YOUR DOG Ausgabe 03/2018 erschienen.
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