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Serie: Mythos Wolf 2 – Familienbande

In einem Wolfsrudel steht der Alpha an der Spitze. Ihm müssen sich alle unterordnen. Nur er darf mit der Alphawölfin Nachwuchs zeugen. Alte und verletzte Tiere werden vom Rudel ausgeschlossen oder getötet.“ Bravo, wenn Sie sich über diesen Satz aufgeregt haben! Dann sind Sie auf dem aktuellen Stand der Wolfsforschung. Das obige Klischee ist immer noch weit verbreitet und auch in einigen neueren Büchern zu lesen. Diese Aussage entstand durch die Beobachtung von Gehegewölfen, wo sie leider nur zu oft zutrifft. Heute wissen wir dank langjähriger Freilandforschung, wie sich Wölfe wirklich verhalten und wie eine Wolfsfamilie aufgebaut ist.

wolfis

We are family

Wölfe sind außerordentlich familienorientiert und leben in einer Art klassischer Großfamilie mit den Eltern, dem direkten Nachwuchs, den Geschwistern, Onkeln und Tanten sowie einigen nicht verwandten Tieren.
Die wölfische Familiendynamik ist sehr komplex und dynamisch und hängt von vielem ab: dem Lebensraum, der zur Verfügung stehenden Nahrung, Konflikten mit benachbarten Wolfsfamilien, der Abwanderung von einzelnen Individuen und natürlich der Persönlichkeit der jeweiligen Familienmitglieder.
Wolfseltern bleiben normalerweise ein ganzes Leben lang zusammen, wenngleich es in der Paarungszeit auch durchaus zu amourösen Abenteuern einzelner Tiere kommen kann. (Die Leittiere haben genug damit zu tun, die Verführer von außen abzuwehren.) Hat der Casanova dann seine Gene unter der weiblichen Wolfspopulation großzügig verteilt, kehrt er anschließend in den Schoß der Familie zurück.

Die Familie ist für Wölfe sehr wichtig. Immer wieder bestätigen sie einander ihren Zusammenhalt und ihre Zuneigung durch zahlreiche körperliche Kontakte, Maulwinkellecken, Kontaktliegen und ausschweifenden Begrüßungen.
Häusliche Gewalt gibt es nicht. Ich habe bisher nur zwei Mal in fast 20 Jahren beobachten können, dass ein Mitglied von der eigenen Familie gemobbt oder verletzt wurde. Wem es zu eng wird, der wandert ab. (Mehr zum Abwanderungsverhalten in einer späteren Ausgabe von Your Dog.)

Warum leben Wölfe überhaupt in „Rudeln“?
Lange Zeit ging man davon aus, dass Wölfe in Gruppen leben, weil sie nur so große Beutetiere jagen und töten können. Daraus könnte man logischerweise folgern, dass der Jagderfolg umso größer ist, je mehr Mitglieder eine Wolfsfamilie hat. Das ist jedoch nicht der Fall. Ein Beispiel hierfür ist die Druid-Wolfsfamilie. Durch Mehrfachpaarungen war die Gruppe 2002 auf 37 Tiere angewachsen. Die Wölfe mussten immer und ständig jagen – große Hirsche, kleine Dickhornschafe, Antilopen, was immer ihnen vor die Schnauze kam – um alle Mitglieder der Familie zu ernähren. Dass das auf Dauer nicht machbar ist, leuchtet jedem ein. Und so teilten sich die Druids nach nur wenigen Monaten auf und bildeten einzelne, kleinere Familienverbände.

Wenn also, wie immer behauptet wird, die Größe einer Wolfsgruppe von der Größe der Nahrungsquelle abhängt, jedoch große Gruppen nicht notwendigerweise auch mehr Jagderfolg haben, dann stellt sich die Frage, warum man überhaupt in einem Rudel leben sollte? Die Antwort liegt in der komplexen Sozialstruktur von Kaniden begründet.

Hotel Mama
Wenn erwachsene Wölfe große Beutetiere töten, gibt es einen Überschuss an Nahrung, der dem Nachwuchs zugutekommt. Ohne Nachwuchs wäre ein großer Teil dieses Überschusses an Nahrungskonkurrenten oder Aasfresser verloren. So können beispielsweise Raben bis zu 66 Prozent von der Beute eines einzelnen Wolfes vertilgen, dagegen aber nur zehn Prozent vom Kill einer Wolfsgruppe aus mindestens zehn Tieren.

Jungwölfe bleiben so lange in ihrer Familie, wie die Nahrungsvorräte mehr Individuen als die Gruppe ernähren können. Aus Sicht der Jungwölfe sieht es so aus: Wenn es wenig Essen gibt, dann lohnt es sich, im Hotel Mama zu bleiben – zumindest, bis die Hormone sie dazu treiben, sich Paarungspartner außerhalb der eigenen Familie zu suchen. Wenn also heranwachsende Jungwölfe ihre Eltern in der Familie begleiten, um so leichter an Futter zu kommen, erklärt das auch, warum große Gruppen nicht notwendig sind, um größere Beutetiere zu töten, aber dennoch die größten Gruppen in Gebieten mit den größten Beutetieren zu finden sind. Einfach ausgedrückt: Große Beutetiere machen große Rudel nötig, sind aber keine Voraussetzung dafür. Ich beobachte immer wieder, wie sich die Wölfe um einen Kadaver scharen und jeder etwas abbekommen will. Wäre eine Wolfsfamilie größer, würden einige ihrer Mitglieder hungrig bleiben.

Schon 1944 hat der große Naturforscher Adolph Murie festgestellt, dass die Größe der Beute die Größe der Gruppe limitiert. Für die Wolfsschnösel zahlt sich Hotel Mama also durchaus aus – zumindest so lange, bis die neuen Geschwister zur Welt kommen, die dann von den Eltern bevorzugt behandelt und gefüttert werden. Sollte deshalb nicht mehr genügend Nahrung zur Verfügung stehen, bleibt den Jungwölfen gar nichts anderes übrig, als erwachsen zu werden, abzuwandern und eine eigene Familie zu gründen.

Die Autorin
Elli H. Radinger (geb. 1951) ist Fachjournalistin mit Schwerpunkt Wolf und Hund und seit 1991 Herausgeberin des Wolf Magazins.
Einen Großteil des Jahres hält sich die Wolfsexpertin und Autorin mehrerer Bücher im Yellowstone-Nationalpark, USA, auf,
wo sie im Wolfsprojekt mitarbeitet.

www.elli-radinger.de
www.yellowstone-wolf.de
www.wolfmagazin.de

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