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Verzweifelt gesucht: der menschliche Hausverstand

Sie scheinen weniger die Regel, sondern immer öfter eine Art seltenes Phänomen in der Welt der Hundehalter zu sein: Entscheidungen unter Einsatz des Hausverstandes. Dabei ist dieser in Zeiten, in denen immer mehr Hunde ihr Leben mit uns teilen, wichtiger geworden als je zuvor.

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Hausverstand, wo bist du?

Welpenkauf

Es war einmal… ein Mensch, der sich dazu entschloss einen Hund bei sich aufzunehmen. Dank zahlreicher Fachliteratur macht er sich auf die Suche nach dem perfekten Welpen. In den vielen Büchern stand, dass man keinen Welpen vom Billigzüchter nehmen soll, da man so nur das Leid dieser armen Geschöpfe verstärkt. Häufig kommen sie von sogenannten Welpenfarmen in denen Hündinnen als Gebärmaschinen ausgebeutet werden und die Tiere nicht einmal mit dem Notwendigsten versorgt werden. Außerdem – und hier wäre der erste Einsatz für den Hausverstand – sollte die Entscheidung für einen Hund bzw. Welpen niemals vom dafür zu zahlenden Preis abhängig gemacht werden. Es handelt sich dabei immerhin um ein Lebewesen und kein Möbelstück. Vor jedem Autokauf entscheiden Menschen oft länger als vor der Anschaffung eines Hundes und das sollte uns zu denken geben!

Erziehung

Egal ob Welpe oder erwachsener Hund, der nächste große Einsatz für den Hausverstand ist im unüberschaubar gewordenen Gewirr der Erziehung und Ausbildung zu finden. Könnten wir Hundehalter uns auf unseren Hausverstand verlassen, wir wüssten längst, dass wir unsere Hundehalter-Kollegen nicht mit unverlangten Erziehungstipps und -ratschlägen beglücken sollen. Das ist aber noch das geringste Übel. Richtig hässlich wird es, wenn (selbsternannte) Experten ein Netz über alle Hunde, egal welcher Rasse oder Mischung angehörend, spannen und allgemeingültige Regeln aufstellen. Ein Beispiel dafür ist die Tatsache, dass viele beim Wort Korrektur sofort Tierschutz schreien. Einem Hund Grenzen zu setzen scheint nicht mehr zeitgemäß. Dafür häufen sich die Beschwerden über Hunde, die unkontrollierbar andere Hundehalter oder Nicht-Hundehalter belästigen.

In keinem Bereich der Hundehaltung fehlt der Hausverstand so sehr wie bei der Erziehung. Die zunehmende Modernisierung der Ausbildungsmethoden ist vor allem auf den häufig noch nach veralteten Methoden ausbildenden Hundeausbildungsplätzen zu begrüßen. Dass man Hundehaltern allerdings kollektiv das Anlegen eines Geschirres alternativ zur Verwendung eines normalen Halsbandes als einzig gesunde und tierschutzgerechte Variante vorschreibt, ist haarscharf an der Realität vorbei. Wie wir wissen sind Hunde ebenso Individualisten wie wir Menschen. Kein Hund gleicht in Charakter und Wesen dem anderen.

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BARF oder Fertigfutter? Ganz egal – Hauptsache der Hund verträgt es!

Es geht um Ent-Radikalisierung. Die Welt der Hundehalter ist eine radikale Welt!

  • BARFe sonst tötest du deinen Hund vorsätzlich
  • Verwende ein Brustgeschirr sonst verletzt du deinen Hund vorsätzlich an der Halswirbelsäule
  • Kastriere deinen Hund nicht, sonst beraubst du ihn grundlos eines gesunden Organs
  • Korrigiere deinen Hund nicht, sonst übst du ungerechtfertigte Gewalt aus
  • Beschäftige ihn täglich mindestens zwei Stunden, sonst ist er zu wenig ausgelastet
  • Ermögliche ihm den Kontakt zu Artgenossen, sonst kann er nicht glücklich werden
  • Lasse ihn möglichst oft und möglichst überall frei laufen, denn alles andere ist nicht artgerecht (und außerdem tut er sowieso nix!)
  • Bade ihn – wenn überhaupt – max. 1 Mal im Leben, sonst zerstörst du den Schutzfilm der Haut

Wo bleibt der Hausverstand bei all diesen ungeschriebenen Gesetzen der Hundehaltung?

+ Warum soll es nicht auch Hunde geben können, die kein BARF mögen oder vertragen und auch mit hochwertigem (!!!) Fertigfutter gesund alt werden können? BARF ist eine tolle Möglichkeit, seinen Hund gesund zu ernähren. Aber sicher nicht die einzige.

+ Warum soll es nicht auch Hunde geben, die mit einem Halsband geführt werden können, ohne gleich einen bleibenden gesundheitlichen Schaden zu erleiden? Außerdem sitzen viele Geschirre so schlecht, dass ein breites Halsband für so manchen Hund ein weit größeres Geschenk wäre.

+ Warum soll es nicht auch Hunde geben, die durch eine Kastration tatsächlich eine bessere Lebensqualität erhalten würden? Selbstverständlich ist das vorbeugende Kastrieren strikt abzulehnen! Rüden beispielsweise, die sich die Pfoten blutig scheuern oder tagelang nichts fressen wenn Nachbars Hündin läufig ist, sollten nicht kastriert werden? Warum?

+ Warum ist das korrigieren per se schlecht? Wer hat eigentlich festgelegt, dass Korrektur gleichbedeutend mit psychischer und physischer Gewalt ist? Es gibt tatsächlich Hunde, die situationsbedingt korrigiert werden müssen und wer wenn nicht Hundehalter untereinander, sollten Verständnis dafür haben? Nicht jeder Hund lässt sich durch Fingerzeig führen oder beeindrucken. Es gibt Dickköpfe, Draufgänger, Machos in der Hundewelt, warum müssen diese gleich erzogen werden, wie ein sensibler Chihuahua? Ein guter Hundetrainer erkennt die verschiedenen Charaktere an und gesteht diese den Hunden auch zu und versucht nicht Hunde in sein Schema F zu pressen.

+ Warum sollen Hunde nur glücklich sein können, wenn sie täglich eine an den Haaren herbeigezogene Zeitspanne beschäftigt werden? Was ist zum Beispiel mit Herdenschutzhunden, können die auch nicht glücklich werden, wenn sie täglich nicht mindestens zwei Stunden neben dem Rad laufen oder in eine Hundezone gezerrt werden? Ist es ausgeschlossen, dass Hunde auch glücklich sein können, wenn sie einmal drei Tage hintereinander nur auf ihren Garten aufpassen, ab und an ein ausgedehntes Sonnenbad nehmen und den einen oder anderen Knochen kauen?

+ Warum sollen Hunde nur glücklich sein können, wenn sie regelmäßigen Kontakt zu Artgenossen haben? Es gibt zahlreiche Hunde, die überhaupt keinen Wert auf auf den Kontakt zu ihnen unbekannten Artgenossen legen, sondern sich viel lieber mit Herrchen oder Frauchen beschäftigen.

+ Warum soll nur bei ständigem Freilauf ein artgerechtes Leben möglich sein? Und wie kommen andere Hundehalter dazu, sich von Ihrem freilaufenden Tutnix zwangsbeglücken lassen zu müssen? Schön, wenn Ihr Hund nichts tut, aber das heißt noch lange nicht, dass auch alle anderen nichts tun. Und nein, Hunde die andere Hunde nicht sofort mögen, sind nicht verhaltensgestört. Sie sind auch in diesem Fall uns Menschen sehr ähnlich und finden nicht alles und jeden auf Anhieb sympathisch.

+ Warum soll ein Hund nicht regelmäßig gebadet werden dürfen? Regelmäßig heißt nicht täglich und auch nicht 1 x pro Woche. Aber im Falle von Schmutz oder exorbitantem Natur-Deodorant muss das Baden eines Hundes möglich sein, auch ohne mit dem Vorwurf der Tierquälerei konfrontiert zu werden. Hunde leben mit uns im Haus, es sollte daher jedem Menschen selbst überlassen sein, zu entscheiden ab wann ein Bad für den Hund von Nöten ist.

Fragen über Fragen, die eigentlich niemand so recht schlüssig beantworten kann und dennoch dreht sich die Hundewelt immer wieder um sie.  Aber bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt. In diesem Sinne hoffe ich, dass es ihn doch noch gibt… den guten alten Hausverstand.

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